Klimafeind Beton?

02.06.2026, SENN

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© David Walter

Nicht schwarz-weiss, sondern grau

In der Baubranche ist Beton das beliebteste Baumaterial, weil er frei formbar, haltbar und günstig ist. Gleichzeitig hat sein Ruf gelitten, denn die Herstellung seines Hauptbestandteiles Zement setzt jede Menge CO2 frei. Wir haben mit dem SENN-Nachhaltigkeitsverantwortlichen Sandro Infanger darüber gesprochen, warum Beton dennoch eine Zukunft hat und beim nachhaltigen Gebäude ALL zum Einsatz kommt.

Sandro, warum hat der Beton eigentlich einen so schlechten Ruf?

Zement ist der Hauptbestandteil von Beton. Zement besteht zu einem überwiegenden Teil aus Klinker, der durch das Erhitzen von Kalkstein und Ton entsteht. Dieser Vorgang benötigt aufgrund der extrem hohen Temperaturen nicht nur viel Energie, sondern setzt durch die chemische Reaktion selbst grosse Mengen an CO2 frei. Die Herstellung von Zement verursacht rund fünf bis acht Prozent der globalen CO2-Emissionen.

Das ist ganz schön viel! Hat denn der Beton im Klimabauen überhaupt eine Zukunft?
Ja, das stimmt. Bei den Emissionen steht der Beton nicht gut da. Interessant ist aber, dass kein Baumaterial so gut erforscht ist, wie der Zement. Sämtliche Hersteller versuchen die Mischung nachhaltiger zu machen. Und grundsätzlich muss ich festhalten, dass Beton bei der Kreislaufwirtschaft sehr gut dasteht. Rund 95% des Betonabbruchs wird in der Schweiz rezykliert zum Beispiel als Recycling-Beton oder Unterbaumaterial. Jedes Baumaterial hat seine eigenen Stärken und Herausforderungen im Recycling. Die Antwort auf die Frage ist also differenziert zu betrachten: Wer auf nachhaltigere Betonmischungen statt auf Standard-Beton setzt, kann auch beim Klimabauen Beton verwenden.

Du sprichst von nachhaltigeren Beton-Mischungen. Welche Möglichkeiten gibt es?

Neben dem erwähnten Recycling-Beton gibt es zum Beispiel klinkerreduzierten Zement mit kalziniertem Ton und zementreduzierten Beton. Besonders spannend ist auch der sogenannte Ultrahochleistungsbeton (UHPC). Er braucht deutlich weniger Material bei gleicher Tragkraft – und spart so Ressourcen und CO₂ ein.

Warum wird denn dieser nachhaltige Beton nicht häufiger genutzt?

Standard-Beton ist die günstigste Wahl und funktioniert zuverlässig bei praktisch jeder Anwendung. Weil er so universell einsetzbar ist und alle Beteiligten, von der Planung bis zur Ausführung, damit vertraut sind, wird er schlicht aus Gewohnheit bevorzugt. Nachhaltigere Mischungen bringen zudem logistischen Mehraufwand mit sich, da verschiedene Betonarten unterschiedliche Verarbeitungs- und Trocknungszeiten haben. All das führt zu Mehrkosten. Es gibt aber inzwischen Recycling-Beton zum selben Preis wie Standard-Beton.

Und wie wird nachhaltiger Beton richtig eingesetzt?

Wer CO₂ reduzieren will, sollte auf jeden Fall auf nachhaltigere Mischungen setzen. Entscheidend ist die Wahl der Zementmischung. Für jede Anwendung sollte genau geprüft werden, welche Zusammensetzung sinnvoll ist. Die grössten CO₂-Einsparungen entstehen dort, wo die richtige Mischung am richtigen Ort eingesetzt wird. Beim ALL haben wir so rund 600 Tonnen CO₂ eingespart.

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Du sprichst vom Büro- und Laborgebäude ALL, das SENN aktuell auf dem Main Campus-Areal in Allschwil bei Basel baut. Beim HORTUS auf dem gleichen Gelände kamen nachwachsbare Materialien wie Holz und Lehm zum Einsatz, beim ALL wird mit Beton gebaut. Warum?

Bei einem Laborgebäude gelten hohe Anforderungen an Tragfähigkeit, Schwingungsdämpfung und Sicherheit. Darum war bei diesem Projekt Beton schlicht das leistungsfähigste Material. Eine Holzstruktur hätte bei den geforderten Spannweiten und Schwingungswerten so massiv ausfallen müssen, dass wir ein ganzes Stockwerk verloren hätten. Weil wir auf nachhaltigen Beton gesetzt haben, konnten wir dennoch Emissionen einsparen.

Die Materialität des HORTUS und des ALLs ist also sehr verschieden. Welche Learnings aus dem Bau des HORTUS konntet ihr trotzdem mitnehmen?

Wir wussten bei der Planung des ALL von Anfang an, dass dieses Gebäude sehr viel Energie verbrauchen wird und wir an diesem Hebel optimieren müssen. Das Gebäude muss möglichst viel Energie produzieren. Also haben wir wichtige Erkenntnisse aus der Gebäudetechnik vom HORTUS ins ALL einfliessen lassen. Die ganze Fassade und das Dach des ALLs sind eine Photovoltaikanlage. Diese erzeugt beeindruckende 1.3 Millionen Kilowattstunden Energie pro Jahr. Das entspricht der Versorgung von ca. 325 Einfamilienhäusern.

 

Mehr zur Nachhaltigkeit des ALL lesen Sie hier: Kraftwerk oben, Spitzenforschung unten

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